Edgar Wallace und der ahnungslose Cineast

Hast Du schon einmal einen der alten Edgar Wallace Filme aus den 60ern gesehen? Ich auch nicht – bis vor kurzem. Ich bin kein großer Fan von Krimis und schaue mir nur sporadisch mal einen Tatort an. Um ehrlich zu sein wusste ich über Edgar Wallace überhaupt gar nichts und hatte die Filme und Bücher als uninteressante Krimis von früher abgestempelt. Angestaubt, nicht mehr zeitgemäß, heute bestimmt auch nicht mehr spannend. Aber wusste ich’s? Nein, ich hatte keine Ahnung. Man sollte sich aber natürlich immer selbst ein Bild machen.

Ein Zufall hat mich nun zu Wallace gebracht. Als ich mit Corona im Bett lag und mich durch die Schwemme an Streamingangeboten wühlte, blieb ich bei einem deutschen Klassiker hängen: Die Schlangengrube und das Pendel (Werbelink) (aka “Die Burg des Grauens”, “Die Schlangengrube des Dr. Dracula” oder “The Torture Chamber of Dr. Sadism”) von 1967. In den Hauptrollen sind Christopher Lee, Lex Barker und Karin Dor zu sehen. Vor allem Christopher Lee in einer quasi-Dracula-Rolle interessierte mich. Ein Blick in die Amazon-Rezensionen verriet, dass ich hier über Edel-Trash gestolpert war, der in Deutschland aber offenbar eine Fangemeinde hat. Ohne hier zu weit abzuschweifen: Nach Sichtung dieser Filmperle interessierten mich die Hintergründe etwas mehr. Viele Kritiker verwiesen darauf, dass Edgar-Wallace-Stammregisseur Harald Reinl hier mit einigen klassischen Edgar-Wallace-Schauspielern einen Gruselfilm in Edgar-Wallace-Manier inszenierte. Da war das Interesse geweckt und ich recherchierte, was es denn eigentlich mit diesen Edgar-Wallace-Filmen auf sich hatte.

Der Vielschreiber des Krimis

Quelle: Bundesarchiv Bild 102-13109

Der Engländer Edgar Wallace (1875-1932) war vielseitig schriftstellerisch tätig, ist aber vor allem als Krimiautor bekannt. Er schaffte einen enormen Output – angeblich zeitweise einen Roman innerhalb von drei Tagen. Am Ende hatte er 175 Bücher und weiteres veröffentlicht. Wallace war Journalist und profitierte von dem sensationsheischenden Stil mancher englischer Zeitungen. Was er dort lernte an Zuspitzungen und reisserischem Erzählen, brachte er später in seine Bücher ein. Die Romane waren daher geprägt von Schnelligkeit und Zugänglichkeit. Es gab selten komplizierte Fälle oder aufwendige Ermittlungen. Die Bücher mussten sich flüssig weglesen lassen und dabei unterhaltsam sein. Wallace ging dabei phantasievoll vor und ersann jeden noch so absurden Tätertypus oder modus operandi. All dies machte ihn schlussendlich zum Vater des modernen Thrillers.

“It is impossible not to be thrilled by Edgar Wallace!”

geschicktes Marketing auf den Buchcovern

Der Ablauf der Handlungen war oft der gleiche: Ein Verbrechen wurde begangen (oft Mord oder Diebstahl), das zunächst Fragen aufwarf. Die Polizei oder Privatdetektive ermitteln und lösen am Ende natürlich das Rätsel. Auf dem Weg dahin gibt es allerhand Kämpfe, mysteriöse Begegnungen und natürlich schöne Frauen. Nicht selten enden Ermittler und weibliche Protagonistin am Ende als Liebespaar. Diese Arbeitsweise, die schon stark an Groschenromane erinnert, bringt sicherlich eher selten gute Literatur hervor, aber das war ja auch nicht der Anspruch. Dennoch sind einige seiner Bücher zu wahren Klassikern geworden. Und Titel wie “Der Hexer” oder “Der unheimliche Mönch” hatte sogar ich schon einmal gehört.

Edgar Wallace und der deutsche Film

Mir war bislang nicht bewusst, dass die Edgar-Wallace-Filme ein spezifisch deutsches Phänomen waren. Es gab zwar auch internationale Verfilmungen, aber die Phase der deutschen Verfilmungen in den 1960er und ’70er Jahren war dann doch beispiellos. Ein paar Dinge weckten mein Interesse, mich näher mit den Filmen zu beschäftigen:

  • Es gab Stammregisseure, die mehrere Filme drehten. Einer von Ihnen war Harald Reinl, der parallel in den 60ern große Erfolge mit den Winnetou-Filmen feierte.
  • Es gab Stammschauspieler, die in unterschiedlichen Rollen immer wieder zu sehen waren. Unter den Ermittlern war dies z.B. Joachim Fuchsberger, unter den weiblichen Protagonisten z.B. Karin Dor oder Uschi Glas. Besonders interessant sind für mich die Schurken: Hier waren u.a. Christopher Lee oder Klaus Kinski (16 Filme!) zu sehen.
  • Die Drehorte waren fast alle in Deutschland, obwohl alle Filme in England spielten. Imposante Herrenhäuser und dunkle Gassen filmte man oft in Berlin und Hamburg. Die Aufnahmen wurden dann kombiniert mit kurzen establishing shots aus London oder Umgebung.
Quelle: Rialto Film/Constantin Film

Marktanalysen der deutschen Constantin Film kamen zu dem Ergebnis, fiktive Krimis ließen sich in Deutschland Ender der 1950er nicht vermarkten. Dennoch beauftragte man die dänische Rialto Film mit der Produktion von “Der Frosch mit der Maske”, der 1959 zu einem sensationellen Überraschungserfolg avancierte. Anschließend kaufte Rialto die Exklusivrechte fast aller Edgar Wallace-Romane und brachte innerhalb von 13 Jahren insgesamt 32 Verfilmungen ins Kino und Fernsehen. Auch hier war das Arbeitstempo schnell und auf Produktivität ausgelegt – es entstanden zumeist 3-4 Filme pro Jahr. Während die frühen Filme noch recht werkgetreue Umsetzungen waren, entfernte man sich bei späteren Filmen zunehmend davon, um die Handlung leicht zu modernisieren und zeitgemäß zu halten. Die zeitweise enormen Zuschauerzahlen von weit über 2 Millionen konnten Ende der ’60er bei weitem nicht mehr erreicht werden. Teilweise landete man nur noch bei rund 300.000 Zuschauern. Trotz einzelner Highlights war das Interesse weitestgehend erloschen.

Kann man Edgar Wallace 2022 noch neu entdecken?

Fraglos sind die Edgar Wallace Filme ein Zeitdokument. Sie sind in einer bestimmten Phase des deutschen und internationalen Kinos entstanden, deren Produktionsbedingungen sie aufgreifen. Die früheren Filme sind in schwarz/weiß gedreht, später wurde auch Farbfilm verwendet. Die Produktion musste günstig und schnell sein. Mir war zuvor klar, dass ich keine filmischen Meisterwerke sehen würde. Schon die damalige Presse hatte nahezu alle Filme sehr kritisch betrachtet. Künstlerischen Anspruch sucht man hier vergebens. Dennoch wollte ich mir ein Urteil bilden.

Alleine schon Christopher Lee und Klaus Kinski in frühen Nebenrollen zu erleben war mir die Erfahrung wert. Lees Karriere stand noch relativ am Anfang als er 1961 erstmalig in “Das Geheimnis der gelben Narzissen” auftrat. Gerade einmal zwei Jahre zuvor debütierte er als Dracula. Für Kinski hingegen war dies bereits der dritte Wallace-Film. Er war zu dem Zeitpunkt bereits ein bekannter Bühnenschauspieler und hatte in einigen Filmen mitgewirkt. Seine großen Rollen standen ihm aber alle noch bevor. Diese beiden Schwergewichte wollte ich mir in ihren frühen Rollen, nach allem was ich nun über die Wallace-Filme wusste, auf jeden Fall ansehen.

Ein Absuchen der gängigen Streaming-Portale brachte leider keinen Erfolg. Wenn ich schwer zu findende Klassiker sehen möchte, kaufe ich hin und wieder auch noch DVDs oder BluRays – anders sind viele Filme kaum zu bekommen. Die Wallace-Filme sind leider in keiner Edition erhältlich, die mir gepasst hätte. Einzel-DVDs sind relativ hochpreisig, Komplett-Editionen ab 70€ (Werbelink) waren es mir den Versuch nicht wert. Es bleiben noch kleinteilige Editionen zu je 4 Filmen, die chronologisch die Jahre abarbeiten. Dabei hat man aber immer bessere und schlechtere Filme zusammen. Eine Sammlung der besten Filme scheint es nicht zu geben. Für Fans sind die Angebote sicherlich in Ordnung, für mich kamen sie aber nicht in Frage.

Ich war mir sicher, diese Filme würde man in meiner Stadtbibliothek finden. Die haben ja oft noch einen recht großen Bestand an klassischen Filmen. Leider aber auch hier Fehlanzeige. Zu Hilfe kam dann glücklicherweise die Mediathek des ZDF.

Hoch leben die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen!

Früher mal konnte man den Öffentlich-Rechtlichen vorwerfen, sie würden kein Programm für junge Zielgruppen produzieren. Wie falsch die Kritiker doch liegen: Sogar die Edgar-Wallace-Klassiker findet man in der ZDF Mediathek!
Spaß beiseite. Ich bin ja dankbar, dass ich hier eine schöne Auswahl finde, die sogar fast alle Titel enthält, die in meiner engeren Auswahl sind. Jedenfalls ist Kinski ein paar mal vertreten, Lee immerhin einmal. Dort sind aktuell verfügbar:

  • Der Frosch mit der Maske
  • Das Geheimnis der gelben Narzissen (Lee & Kinski!!!)
  • Die Tür mit den 7 Schlössern (Kinski)
  • Der Zinker (Kinski)
  • Der Hexer
  • Neues vom Hexer
  • Der grüne Bogenschütze (Gert Fröbe!)
  • Die toten Augen von London (Kinski)
  • Das indische Tuch (Kinski)

Der Trailer von ZDFneo bringt die Filme ganz gut auf den Punkt. Es verwundert nicht, dass der einminütige Trailer überwiegend aus Bildern von Klaus Kinski und Joachim Fuchsberger besteht sowie ein bisschen Action und Altherrenhumor. Mit Spannung oder gar Kriminalistik wird gar nicht erst geworben. Das ist klug gewählt: Ohne die Schauspieler hätte ich wohl ebenfalls immer noch keine Ahnung von Edgar Wallace-Filmen. Spaßeshalber habe ich mal auf der Facebook-Seite von ZDFneo vorbeigeschaut. Die Kommentare sind eindeutig: Die Edgar Wallace-Filme haben immer noch viele Fans. Gut, dass ich diese Bildungslücke geschlossen habe!

Nach dem Filmgenuss: Was ist mein Eindruck?

Tatsächlich habe ich nun sogar einige Filme gesehen: “Der Frosch mit der Maske”, “Das Geheimnis der gelben Narzissen”, “Die toten Augen von London”, “Der grüne Bogenschütze” und “Der Hexer”. Ich habe das ganze als filmische Bildung begriffen und hatte wirklich Spaß daran.

Natürlich sind Handlungen und Dialoge nichts weltbewegendes, auch die Inszenierung ist zumeist nur solide. Ein frühes “Knives Out” habe ich aber auch gar nicht erwartet. Aber hey, ey waren die 60er! Ich fand es allerdings ganz erfrischend, oftmals die gleichen Schauspieler in jedem Film in einer neuen Rolle zu sehen und wie in jedem Film mit der Tonalität gespielt wurde. War “Der Frosch mit der Maske” noch als recht ernster, geradliniger Krimi angelegt, strotzte “Der Hexer” vor schmissigen Dialogen und einer ironischen Inszenierung. In “Der grüne Bogenschütze” wird gar die vierte Wand durchbrochen und der Zuschauer von einigen Figuren direkt angesprochen. Man merkt deutlich, ob ein Film eher auf ernsthafte Ermittlung oder sogar gruselige Atmosphäre abzielte oder als seichte Unterhaltung mit Krimi-Elementen daher kam.

Ich hatte wirklich Spaß daran, in diesen Filmen Christopher Lee, Klaus Kinski oder auch Gert Fröbe zu entdecken. Vor allem Kinski stach für mich heraus. Er war da schon unverwechselbar er selbst und füllte jeden noch so kleinen Auftritt mit genialem Wahnsinn aus.

Überrascht war ich übrigens von der Bildqualität: Diese teils 60 Jahre alten schwarz/weiß-Filme waren gestochen scharf und wiesen keine visuellen Artefakte auf. So gut sehen viele Filme aus den 90ern bei weitem nicht mehr aus!

Sollte ich zukünftig nochmal einen Edgar-Wallace-Film in einer Mediathek sehen werde ich möglicherweise sogar reinschauen. Ich fand die Filme überwiegend unterhaltsam und bin froh, dass ich diese Bildungslücke geschlossen habe. Man muss vorher natürlich wissen worauf man sich einlässt und was man ungefähr zu sehen bekommt. Aber wahrscheinlich entdeckt heute auch niemand mehr einen “007 jagt Dr. No” und erwartet eine Inszenierung wie in “Casino Royale”. Schlussendlich: Ich hatte nichts erwartet und hatte dafür erstaunlich viel Spaß. Ich kann gut verstehen, wieso die Reihe damals so viele Fans gefunden hat. Wer ebenfalls ahnungslos ist sollte durchaus mal einen Blick risikieren!

Veröffentlicht in Produktionstagebuch.

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