Die Kickstarter-Enttäuschung

Ich habe keine Lust mehr auf Kickstarter. Mittlerweile hat sich eine Ernüchterung, manchmal gar Enttäuschung eingestellt. In der letzten Woche habe ich zwei Kickstarter endlich erhalten und muss leider feststellen, dass das irgendwie alles nix mehr für mich ist. Aber fangen wir von vorne an.

Kleiner Exkurs: Was ist Kickstarter?

Kickstarter ist eine Plattform für Crowdfunding. Man kann ein Produkt oder eine kreative Idee, für die man Kapital zur Umsetzung braucht, in einer Kampagne präsentieren und Geld einwerben. Die Dauer der Kampagne lässt sich einstellen, oft sind es ungefähr zwei-drei Wochen. Der Anbieter präsentiert die Kampagne, erläutert worum es geht, was das Ziel ist und welches Budget er als Kampagnenziel definiert. Je nach Produkt und Professionalität des Anbieters werden Skizzen, Designentwürfe oder sogar Prototypen präsentiert.

Unterstützer werden Backer genannt, vom Englischen “to back” = den Rücken stärken. Man kann als Unterstützer entscheiden, ob und mit welchem Betrag man das Projekt unterstützt. Meistens gibt es dazu voreingestellte Stufen, mit denen wiederum eine Belohnung verbunden ist. In der Regel erhält man mit einer bestimmten Belohnungsstufe das unterstützte Produkt, oft sind noch weitere Goodies damit verbunden. Soll das Produkt nach erfolgreicher Finanzierung später mal in den Handel kommen, so ist es für Unterstützer meistens mit einem Preisvorteil gegenüber dem Einzelhandel verbunden.

Einen besonderen Mechanismus hat man sich noch einfallen lassen, die Stretch Goals. Diese werden vom Anbieter zuvor definiert und markieren Extras, die freigeschaltet werden, sobald eine bestimmte Finanzierungssumme erreicht wird. Will man z.B. 3.000€ einwerben, so kann man festlegen, dass bei 3.200€, 3.400€ und 3.600€ alle Unterstützer einen Bonus bekommen.

Bei Erreichen des Finanzierungsziels kann der Anbieter an die Umsetzung gehen. Bei den Backern wird die vereinbarte Summe abgebucht und es geht los. Im Optimalfall hält der Anbieter die Unterstützer über den weiteren Verlauf informiert bis es irgendwann zur fertigen Umsetzung oder Auslieferung kommt. Den ganzen Prozess inkl. Kommunikation wickelt Kickstarter ab.

Kickstarter und Tabletop

Im Tabletop-Bereich ist Kickstarter in den letzten Jahren immens populär geworden. Viele Firmen oder auch Kleinstanbieter holen sich auf diesem Weg Kapital um Spiele oder Miniaturen anzubieten. Oft reden wir hier von richtig professionellen Kampagnen, die Kickstarter als praktische Werbeplattform nutzen. Es kann sich ein regelrechter Hype aufbauen: Die Kampagne spricht sich rum, immer mehr Backer springen auf und bei gelegentlich 10-20 kleineren Stretch Goals macht es durchaus Spaß, das Erreichen jeder weiteren Hürde zu verfolgen. Man hat als Backer auch ein eigenes Interesse daran die Kampagne bekannter zu machen. Sei es aus Überzeugung oder aus Eigennutz um mehr für seinen Einsatz zurückzubekommen.

Ich denke, im Tabletop-Bereich muss man niemandem mehr Kickstarter erklären. Wir haben alle so immens erfolgreiche Kickstarter wie “Time of Legends: Joan of Arc” von Mythic Games (2,15 Mio Dollar bei 100.000$ Zielbetrag), “Hellboy: The Board Game” von Mantic Games (1,4 Mio Dollar bei 100.000$ Zielbetrag) verfolgt. Legendär sind gar die vielen Kickstarter von CMON, die in regelrechten Materialschlachten münden. Für seine Unterstützung wird man mit Miniaturen förmlich zugeschüttet. Es sei auf deren Kampagnen zu “Marvel Zombies – A Zombicide Game” (9 Mio Dollar bei 500.000$ Zielbetrag), “Zombicide: Green Horde” (5 Mio Dollar bei 300.000$ Zielbetrag) oder “Rising Sun” (4,2 Mio Dollar bei 300.000$ Zielbetrag) verwiesen.

Diese Größenordnungen sind natürlich die Ausnahme, dennoch sind die Kampagnen sehr präsent. Viele hören davon, viele machen mit. Es geht auch anders: Manch kleine Kampagne zieht tatsächlich gerade mal genug Geld heran um eine handvoll Miniaturen per Hand sculpten zu lassen. Immer wieder scheitern aber auch solche Kampagnen, wenn das Produkt nicht vielversprechend genug ist, die Kampagne unseriös wirkt oder der Anbieter keinen guten Ruf hat. Ein schönes und etwas anderes Beispiel sind die Bücher von Michael von TWS: Er hat sich über Kickstarter sehr aufwendige Bücher zum Thema Geländebau finanzieren lassen, die ohne die Kampagne sicherlich nicht hätten entstehen können. Ich hatte ihn unterstützt und habe einen Beitrag über das “Gebäude”-Buch geschrieben.

Die Schattenseiten

Kickstarter ist im Prinzip toll. Man kann zusammen etwas ermöglichen, das man unterstützenswert findet oder selbst haben möchte. Wo es Licht gibt, gibt es aber immer auch Schatten. Ich kann bislang nur von Kickstartern im Tabletop-Bereich sprechen, da ich noch nichts anderes unterstützt habe. Was dort auffällt ist, dass Kickstarter mittlerweile häufig als reine Vorbestellplattform genutzt wird. Das Produkt ist fertig und muss nur noch in der entsprechenden Stückzahl produziert werden. Oder der Anbieter ist ein großes Unternehmen, das das Produkt auch ohne Probleme selbst auf den Markt bringen könnte. Ein ganz normaler Spielerelease etwa. Kickstarter bietet aber diverse Vorteile:

Kickstarter als Vorbestellplattform

Wenn man es als Vorbestellplattform begreift (was es laut AGB explizit nicht ist), dann kann man über Kickstarter sehr gut die Nachfrage ermitteln. Backen 12.000 Personen das Produkt, dann habe ich es so oft bereits verkauft und hatte erstmal nur minimales finanzielles Risiko. Der ganze logistische Apparat eines flächendeckenden Releases fällt erstmal weg. Und wenn die Kampagne erfolgreich gelaufen ist, dann kann man immer noch ermitteln, ob der Markt schon gesättigt ist oder ob man immer noch in den regulären Verkauf geht. Mythic Games z.B. vertreiben ihre Spiele exklusiv über Kickstarter. Alle paar Monate wird irgendein Spiel neu aufgelegt und das Unternehmen hat zwischendurch nicht einmal Lagerkosten. Über die kurze Kampagnenzeit hat man dafür allerdings einen starken Kaufanreiz – jeder muss sich ja innerhalb der Kampagne entscheiden, ob er/sie einsteigen möchte oder nicht. Betriebswirtschaftlich gehts fast nicht effizienter.

Das an sich muss einen nicht stören. Es führt aber dazu, dass gute Produkte bisweilen gar nicht mehr in den Läden erscheinen und potenzielle Kunden nicht mehr ran kommen. Oder dass Produkte noch in kleiner Auflage verkauft, aber darüber hinaus nicht mehr unterstützt werden.

Kickstarter als Werbemaschine

Betriebswirtschaftlich habe ich ja Verständnis für das Vorgehen. Es ergibt alles Sinn, solange man nicht ein gutes Produkt auf den Markt bringen will um es dann auch dort zu vertreiben. Mantic Games haben 2015 die Kampagne zum Spiel “The Walking Dead: All out War” an den Start gebracht. Die Kampagne war erfolgreich, aber auch nicht wahnsinnig groß. Das Spiel erschien danach im Retail, war ein gutes Produkt und wurde dann sehr beliebt. Im Frühjahr 2022 ließ man die Lizenz auslaufen, aber es lief bis dahin gut. Ich habe es selbst erst im Retail kennen und schätzen gelernt. Aus heutiger Sicht ist es ein bisschen frustrierend, wie viel Gegenwert die Backer für ihre Unterstützung bekommen hatten und wie viel teurer der Einzelkauf für uns später im Retail war. Aber genau so funktioniert das System eben – eigentlich.

Mittels Kickstarter Kampagnen kann man immer noch eine große Aufmerksamkeit für sein Produkt erzeugen. Der Brückenkopf etwa berichtet fast täglich über interessante Kampagnen, die Social Media Kanäle tun ihr übriges. Man erreicht sicherlich mehr Menschen als wenn man als kleines Unternehmen einen Release mit eigenen Mitteln zu promoten versucht. Durch den relativ kurzen Kampagnenzeitraum sind die Interessenten zudem zum Commitment gezwungen: Jetzt “kaufen” oder den günstigeren Preis, die exklusiven Extras, die frühere Lieferung,… verpassen. Dieses Vorgehen entspricht ja leider absolut unserem Zeitgeist und als Konsument fall ich selbstverständlich ebenfalls regelmäßig darauf rein.

Kickstarter
Einige meiner unterstützten Kickstarter

Kickstarter als Exklusivportal und Stretch Goal Schleuder

Wenn eine Kickstarter-Kampagne so gemanagt wird wie es wünschenswert ist, dann würde man eine erfolgreiche Kampagne abschließen, die Backer mit einem Bonus für Ihre Unterstützung und das Vertrauen belohnen und danach das Produkt auf den Markt bringen. Belohnung sind im Tabletop-Segment oft kostenfreie oder gar exklusive Miniaturen. Mein Favorit sind die kostenfreien Miniaturen, die man später auch kaufen könnte. Exklusive Miniaturen haben für mich immer ein Geschmäckle: Man freut sich, dass man sie hat, aber wir wissen natürlich alle, dass die meisten von uns Sammler sind. Das Vertreiben exklusiver Miniaturen sehe ich in unserem Hobby generell kritisch – sei es auf Kickstarter, auf Messen oder sonstwo.
Ich finde, es ist noch vertretbar, wenn es sich um ein Alternativmodell handelt. Leider kommt es aber auch vor, dass Miniaturen, Karten, o.ä. exklusiv vertrieben werden, an die man sonst gar nicht rankommt und ohne die man andernfalls nicht das volle Spielerlebnis hat. Die Angst etwas zu verpassen (Fear of missing out) als Kaufanreiz finde ich einfach abartig. Grüße an GW an dieser Stelle.

Einige Kampagnen kalkulieren von vornherein mit einer sehr hohen Anzahl an Stretch Goals. Wichtig ist mir dabei, ob es sich um lohnenswerte Stretch Goals im Sinne der eigentlichen Kampagne handelt oder ob den Backern einfach nur irgendwas hinterhergeworfen wird um das Gefühl des guten Deals vorzutäuschen.

Auch hier wieder: Ich bin nicht frei von Schuld. Auch ich habe mich treiben lassen und auch ich bin darauf reingefallen. Vielleicht sogar damit auf die Schnauze gefallen. Mehr dazu im übernächsten Absatz.

Kickstarter als STL-Vertrieb

Digitale Kickstarter sind in den letzten Jahren mit der größeren Verbreitung von 3D-Druckern deutlich populärer geworden. Ich habe auch schon mitgemacht, aber ehrlich gesagt verstehe ich den Sinn nicht. In den allermeisten Fällen handelt es sich um bereits fertige Dateien für die nach Abschluss der Kampagne keine weiteren Finanzen mehr benötigt werden. Es muss ja keine Gussform erstellt, keine Logistik gestemmt, nicht einmal eine Verpackung designt werden. Ich habe schon STL-Kampagnen unterstützt, deren Dateien man nur deshalb nicht unmittelbar nach Kampagnenende bekommen hat, weil Kickstarter erst 14 Tage später das Geld gebucht hat.

Gibt es irgendeinen anderen Grund dafür außer das Marketing über Kickstarter? Gerade bei STL-Kampagnen ist das Spiel mit den Stretch Goals natürlich reizvoll, da im Zweifelsfall relativ zügig neue Stretch Goals hinzugefügt werden können. Dennoch hat das ganze nichts mit dem Cofinanzieren eines Projekts zu tun. Ich habe schon eine Kampagne unterstützt, deren Miniaturen zuvor nur als Resinminiaturen vertrieben wurden. Als man sich entschied, die Dateien zugänglich zu machen, hat man sie einfach in Form eines Kickstarters gebündelt für einen Spottpreis verhöckert. Ich habe zugeschlagen, da ich fast alle Miniaturen haben wollte. Guter Deal für mich, aber natürlich nicht im Sinne des Erfinders.

…und was ist nun mein Problem?

Wie eingangs geschrieben ist bei mir ein Stück weit der Frust ausgebrochen. Das zuvor Geschriebene ist im Prinzip alles Teil des Spiels, das Vor- und Nachteile hat. Manche Dinge nerven, dafür profitiere ich von anderem. 2019 und 2020 hatte ich ein paar Kickstarter unterstützt, 2021 keinen einzigen. Noch nicht ausgelieferte Kickstarter hatten im Verlauf der Corona-Pandemie oft Verzögerungen. Kein Problem für mich, sofern es irgendwie kommuniziert wurde.

Vergangene Woche wurde ein Kickstarter ausgeliefert, mit dem mehrere Sets moderner Miniaturen in Zinn produziert werden sollten. Das Päckchen kam also an, ich machte es auf und fand ca. 40 Miniaturen zusammengewürfelt in der Packung vor (siehe Beitragsbild). Dadurch waren bei manchen Figuren Teile verbogen (zum Glück nichts abgebrochen). Sie waren aber auch gar nicht gekennzeichnet.

Ich weiß nichtmal mehr genau was ich letztes Jahr im Pledge Manager angegeben hatte, geschweige denn wie die Figuren aussehen sollten. Jetzt muss ich alle sortieren, ihren jeweiligen Einheiten zuordnen und herausfinden, was sie darstellen sollen.

Ein Blick in den Discord-Server des Anbieters zeigte, dass er die kostengünstigte und kleinste Verpackung wählte. Im Prinzip okay für mich, aber so lieblos habe ich bislang noch keine Miniaturen erhalten.

Die gute Nachricht ist: Qualitativ bin ich zufrieden. Ein Set ist für mich allerdings ein Ausfall: Bewaffnete Zivilisten, die leider nicht besonders gut gelungen sind und neben den Spezialeinheiten deutlich kleiner wirken. Eventuell machte man es um unterschiedliche Körpergrößen darzustellen, für mich wirkt es aber eher wie Kinder neben Männern.

Was habe ich gestern nochmal gemacht?

Ein anderes Problem ist, dass der mitunter lange zeitliche Abstand bis zur Auslieferung für mich oft nicht mehr funktioniert. Ich finde es in Ordnung, im Sommer eine Kampagne zu unterstützen, die im März ausgeliefert werden soll. Wenn was schief geht wird es vielleicht Mai. Blöd, aber das Risiko kennt man vorher. Ich hatte allerdings eine kleine Kampagne unterstützt, die ein paar Miniaturen meines Lieblingsdesigners Boris Woloszyn produzieren sollte. Durch diverse persönliche Probleme des Anbieters verzögerte sich die Auslieferung um fast ein Jahr länger. Auch dieses Päckchen kam zufällig letzte Woche an.

Schöne Sculpts. Für irgendwann mal…

Während die Miniaturen exzellent sind und genau das, was ich mir gewünscht habe, lässt mich diese Lieferung seltsam kalt. Das Projekt und die Begeisterung darüber liegen in der Vegangenheit. Im Moment hänge ich mit meinem Kopf und mit meiner wenigen Zeit für Hobbyprojekte in ganz anderen Sphären. Die Miniaturen sind supertoll, aber ich sehe nicht, wann ich sie bemalen werde.

Das Dino-Desaster

Zuletzt das Highlight: Vor drei Jahren hatte ich die Brettspielumsetzung von Jurassic World unterstützt. Dinos sind ein wichtiger Bestandteil meiner Kindheit und der erste Jurassic Park-Film wird für mich immer ein magischer Filmmoment bleiben. Am Spiel bin ich weniger interessiert, wollte aber vor allem die Dinos und die ikonischen Charaktere haben. Trotz des relativ unerfahrenen Studios und einer lange Zeit unklaren offiziellen Lizenz bin ich eingestiegen. Die Lizenz wurde zwar erteilt, allerdings zeigte sich der französische Anbieter zumindest zu offener Kommunikation unfähig. Es gab diverse Verzögerungen und Funkstille. Hauptgründe für die Verzögerungen waren Corona oder die Vorgaben seitens Universal Studios.

Die Backer-Kommentare unter den meisten (wenigen) Updates glichen Shitstorms und irgendwann glaubte fast keiner mehr daran, dass es überhaupt noch zu einer Erfüllung kommen würde. Im Juli sind wir zwei Jahre nach angekündigter Auslieferung. Ich hatte schon selbst geglaubt, dass es mich nun auch einmal erwischt und ich mit einem Kickstarter Geld in den Sand gesetzt hätte. Im April kam dann das bislang letzte Update, dass die erste (kleine) Welle der Auslieferung auf den Weg zu den Verteilzentren sei. Wenn ich dem glauben darf, dann kann ich bald vielleicht endlich die erste Teillieferung in den Händen halten. Der Rest dürfte bis Jahresende dauern.

Wenn alles klappt, dann kommt die erste Box zeitgleich mit dem Kinostart des dritten Jurassic World-Films. Dann hätte sich die Lieferung derartig krass verzögert, dass das Timing schon wieder passt und ich fast schon wieder ein wenig gehyped bin.

Und was lernen wir daraus?

Ich will eigentlich nicht negativ sein. Kickstarter hat seine Vorzüge und ist an und für sich eine tolle, sinnvolle Plattform. Vielleicht lassen wir Tabletopper uns auch zu leicht mitreissen und mit NOCH MEHR coolem Zeug ködern? Man muss sich ja immer an die eigene Nase packen. Wir entscheiden uns ja freiwillig dafür Geld zu investieren und sind uns in aller Regel bewusst, dass wir Risiken oder mindestens Unsicherheiten eingehen. Wahrscheinlich ist aber genau dies der Punkt: Ich weiß was ich tue, entscheide mich dennoch dafür und mache unbefriedigende Erfahrungen. Da bleibt nur die Konsequenz: Dann halt nicht.

Können wir bitte nochmal über die Angst reden, etwas zu verpassen?

Veröffentlicht in Produktionstagebuch.

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