Krieg in der Ukraine – Ansichten eines Wargamers

Seit dem 24.02.2022 herrscht Krieg in der Ukraine. Es herrscht wieder Krieg in Europa im Jahre 2022. Wer hätte das für möglich gehalten? Nach den Erfahrungen der letzten Jahre mit Naturkatastrophen und Pandemien muss man eigentlich alles für möglich halten, aber Krieg schien dann doch zu abstrakt. Nun hat Russland die Ukraine in einen Krieg gezogen, der sich mittlerweile auch rücksichtslos gegen die Zivilbevölkerung richtet. Das ist brutal, entsetzlich und so sinnlos. Man ist ratlos und hilflos und möchte dennoch etwas tun. Meine Gedanken dazu schreibe ich hier auf. Da ist allerdings auch noch die Sache mit dem Hobby. Tabletop. Kriegsspiel? Auch dazu notiere ich hier die Ansichten eines Wargamers.

Eine Aktion des Shops Pasch Spiele hat mich erneut zum Nachdenken gebracht über unser Hobby. Die Aktion finde ich so gut, dass ich sie hier kurz vorstelle. Den Originaltext könnt ihr hier auf deren Facebook-Seite (auch ohne Facebook-Konto) lesen. Pasch Spiele rufen zum Spenden für einen guten Zweck auf und verschenken als Dankeschön eine Gratisminiatur. Sogar die Versandkosten übernehmen sie. Um es nicht zu bürokratisch zu halten sind nicht einmal Nachweise nötig. Mittels solcher Anreize die Spendenbereitschaft zu erhöhen finde ich vorbildlich. In einem Brückenkopf-Kommentar habe ich gar die Idee gelesen, diese Gratismini dann zu bemalen und wiederum auf Ebay für den guten Zweck höchstbietend zu versteigern. Da wäre das Maximum aus der Aktion herausgeholt.

Zum Nachdenken gebracht hat mich aber eher die Einleitung. Offenbar kam ein Kunde in den Laden und fragte wie es sich anfühle, Krieg zu spielen während wenige Autostunden entfernt der echte Krieg in der Ukraine tobe. Die Antwort war: Würden alle Konflikte der Welt im 28mm Maßstab ausgetragen, könnten wir vielen Menschen viel Leid ersparen.

Das zu lesen hat mich erneut zum Nachdenken über unser Hobby gebracht. Wie kriegerisch, wie gewalttätig, wie (a)moralisch ist Wargaming? Oder hat nichts mit nichts zu tun und wir spielen nur Strategiespiele?

Das alte Thema Kriegsspiele

Die Debatte um Tabletop und Kriegsspiel ist so alt wie das Hobby selbst. Es fängt schon damit an, dass unser Hobby Tabletop (Gaming) in England eher als Wargaming bezeichnet wird. Klar, “Wargaming” drückt deutlicher aus was man tut als die bloße Feststellung, dass man etwas auf der Tischplatte spielt. Schaut man zurück in die Geschichte, dann hat das Hobby seine Wurzeln tatsächlich in Kriegssimulationen. Einer der bekanntesten frühen Vertreter des Hobbys dürfte der englische Schriftsteller H.G. Wells sein. Er hat 1913 ein kleines Regelbuch namens Little Wars veröffentlicht, das ein früher Versuch ist, mit Spielzeugsoldaten reglementiert zu spielen. Je nachdem wo man ansetzt, ob bei Wells, bei preußischen Offizieren oder an anderer Stelle: Das mehr oder weniger ernsthafte Spiel mit Spielzeugsoldaten war schon lange da und wurde auch von Erwachsenen betrieben.

Die Simulation eines Konflikts ist unbestreitbar wesentlicher Bestandteil eines Tabletop-Spiels. Der simulierte Einsatz von Waffen und anderen Formen von Gewalt gegen eine gegnerische Gruppe ist fast immer dabei. Sogar die beliebten Fantasy-Football-Systeme á la Blood Bowl beziehen ihren Reiz aus dem gewalttätigeren Football-Spiel. An diesem Beispiel wird allerdings auch deutlich: Wir reden mitnichten nur über Kriegssimulationen. Die Auswahl an Regelwerken ist so unüberschaubar wie die Art der Simulation. Manche simulieren klassische Schlachten zwischen zwei großen Armeen. Andere simulieren Weltraumkämpfe zwischen einer handvoll Raumschiffe. Wieder andere behandeln Scharmützel zwischen anthopomorphen Tieren, die sich um den Wintervorrat streiten. Magierduelle, Lichtschwertkämpfe, Superheldenprügeleien oder schießwütige Autorennen. Die Bandbreite ist unendlich und lässt sich nicht auf das Kriegsspiel reduzieren. Dennoch: Kampf oder Konflikt ist ein bestimmendes Merkmal.

Wie realistisch darf es sein?

Für viele Spieler, auch für mich, macht es aber eben einen Unterschied, was man da spielt. Die allermeisten von uns sind eher interessiert an der Simulation als am Kriegsspiel. Auch die Simulation hat ja ein weites Spektrum. Sollen die Regeln möglichst realitätsnah sein? Oder sollen sie ein schnelles, spaßiges, nicht zu ernstes Spiel ermöglichen? Die meisten von uns dürften ein unkompliziertes, unterhaltsames Spiel bevorzugen. Ich verstehe trotzdem, wenn sich Spieler einer napoleonischen Partie in möglichst realistischen Gefechtsdetails ergehen. Was auch immer Dir Spaß macht. Mutmaßlich liegt der Reiz dann aber in dem ausgefeilten Taktieren, denn jedes Regelsystem hat zwangsläufig seine Grenzen. Spielbarkeit muss immer gegeben sein, weshalb vieles eben abstrakt und verkürzt abgehandelt werden muss.

Zum Hobby gehört für uns alle die Zusammenstellung einer Armee, einer Gruppe, einer Bande dazu. Bestenfalls wird alles liebevoll bemalt und hergerichtet. Das Spielen mit einer bemalten Armee auf einem aufwendig gestalteten Spieltisch macht ungleich mehr Spaß als graue Plastikblöcke über den Tisch zu schieben. Eine gerne diskutierte Frage ist die, wieviel Realismus erlaubt ist. Konkret geht es fast immer um die Grenze bei Einheiten des 2. Weltkriegs. Flames of War und Bolt Action sind auch in Deutschland ungemein populär. Deutsche Truppen werden gerne gespielt. Natürlich malt man Soldaten, Panzer und andere Fahrzeuge so an wie sie waren. In aller Regel wird aber auf das Verwenden verfassungsfeindlicher Symbole verzichtet. Das ist in der Community weitgehender Konsens (in Facebook-Gruppen und Foren, auf Turnieren,…). Doch: Bedeutet “realistisch” denn nicht, dass auch ein Hakenkreuz auf dem Panzer zu sehen sein darf? Das sehen zum Glück die allermeisten nicht so.

Abstrakt muss es sein!

Was mich betrifft: Ich habe wenig Lust auf realistische Konflikte. Wie man es von dem Blog hier kennt ist meine Sache die Popkultur. Star Wars, Mittelerde, Ghostbusters, Batman, usw.
Konflikte simulieren auch diese Spiele, aber sie sind eingebettet in einen fantastischen Hintergrund. Sie helfen beim Entspannen und entziehen dich der Realität. Trotzdem spiele ich durchaus auch historische Spiele. Saga z.B. ist einer der populärsten Vertreter. Nur wird niemand ernsthaft behaupten wollen, dass Saga für ein besonders realitätsnahes Spiel steht. Römer und Germanen geben sich hier nach möglichst unterhaltsamen und flüssigen Mechanismen auf die Mütze.

Tatsächlich reizen mich die Weltkriegssimulationen nicht. Ist es mir zu nah dran? Wahrscheinlich. Ich habe einfach keine Lust, die Landung in der Normandie nachzuspielen – selbst dann nicht, wenn ich die Alliierten spielen würde. Dabei macht es im Prinzip wenig Unterschied: Auch die Kämpfe in der Antike oder im Mittelalter waren grausam und brutal. Wieso macht es mir weniger aus diese nachzuspielen? Ich kann es nicht genau sagen, vermute aber, dass es meine deutsche Sichtweise ist.

Die deutsche Perspektive

Großeltern und noch manche Eltern haben den Zweiten Weltkrieg erlebt und waren vielleicht sogar als Soldaten beteiligt. Die Erfahrungen sind (hoffentlich!) noch wach in uns. Gleichzeitig ist es Kern der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die Erinnerung und das Mahnen hoch zu halten. Das Nachspielen von Weltkriegskonflikten ist mir persönlich zu nah dran. Selbst wenn es noch so sehr abstrahiert ist. Ich verurteile niemanden dafür, der das gerne spielt. Meine Sache ist es schlicht nicht. Dennoch weiß ich, dass meine Haltung zur Scheinheiligkeit verkommt, wenn es um andere Konflikte geht. Ich hätte wohl keine Skrupel den Vietnamkrieg zu spielen. Warum? Weil Deutschland unbeteiligt war?

Es ist völlig klar, dass andere Länder andere Haltungen haben. In den USA oder auch in Großbritannien pflegt man einen anderen Umgang mit dem Thema. Die Originalregelbücher des englischen Spiels Bolt Action enthalten vollständige Darstellungen der nazideutschen Kennzeichen. Die deutschen Regelbücher sind entschärft. Im neuseeländischen Flames of War ist vor vielen Jahren sogar mal eine spielbare Einheit “Hitlerjugend” erschienen. Immerhin gab es hörbare Kritik. Rechtfertigt der Spielzweck jede Geschmackslosigkeit?

Vor fast 20 Jahren habe ich mal im Sweetwater Forum nach 28mm Miniaturen von modernen amerikanischen Soldaten gefragt. Keine Ahnung, ob ich Afghanistan vor Augen hatte. Jedenfalls entbrannte eine Diskussion, da einige Diskutanten moderne Soldaten ablehnten. Diese Konflikte seien zu nah an der Gegenwart um diese zu spielen. Tja, ab wann ist Geschichte Geschichte? Mit den Regeln von Spectre könnte ich Einsätze von Spezialeinheien gegen Angehörige von mexikanischen Drogenkartellen spielen oder einen Warlord in Afrika bekämpfen. Ich würde es ehrlich gesagt eher tun als eine Bundeswehr-Patrouille zu spielen, die in Afghanistan in einen Hinterhalt gerät. Diese Doppelmoral kann ich nicht auflösen und sie stört mich. Dem gehe ich aus dem Weg, in dem ich eben bevorzugt völlig andere Szenarien spiele. Das Beispiel zeigt aber, wie schwierig dieses Thema ist. Ja, wir spielen bewaffnete Konflikte.

Perspektivwechsel 7TV

Dass das Hobby vom Kriegsspiel für mich persönlich weit entfernt ist, zeigt auch schon ein Perspektivwechsel durch eines meiner Lieblingsspiele: 7TV von Crooked Dice. Das System hatte ich hier bereits vorgestellt. Im Kern geht es darum, dass das Spiel die Dreharbeiten einer Fernseh-Episode nachstellt. Sogar innerhalb des Spiels sind Gefechte also nur “geschauspielt”. Macht es das dadurch Spiel friedlicher? Nein, es geht genauso ordentlich zur Sache. Der Gegner wird bekämpft, verprügelt, erschossen, in die Luft gejagt. Das filmische Szenario macht aber deutlich, dass es bei all dem ohnehin nur darum geht, was in unserem Kopf passiert. Wir spielen mit Metallfiguren auf einem Spielfeld und wollen dabei eine gute Zeit haben. Die Phantasie spinnt daraus die Immersion.

Als ich noch bei Games Workshop gearbeitet habe, haben wir die Spieler an den Spieltischen auch immer ermahnt, dass gegnerischen Miniaturen nicht “getötet” sondern “ausgeschaltet” werden. Dass dieser Unterschied bei einem Kriegsspiel wichtig sein kann, war vor 20 Jahren schon klar. Im Prinzip ist Tabletop nicht konfliktnäher als Schach oder andere Brettspiele. Einzelne Regeldesigns und vor allem die Gestaltung der Miniaturen und des Spielfelds erhöhen den Realismus natürlich stark. Bei all dem ist letztlich die Frage, was einem Spaß macht und was man gerne spielen möchte. Es gibt bestimmt auch Spieler, denen die Welt von Warhammer 40.000 zu düster und menschenverachtend ist.

Und der Krieg in der Ukraine?

Wie nah wir mit unserem Hobby am Krieg in der Ukraine dran sind ist mir übrigens bewusst geworden als ich realisiert habe, wie viele Firmen und 3d-Designer aus der Ukraine und aus Russland kommen. Einige russische Firmen haben sich klar gegen den Krieg ausgesprochen – im Fall von Artel W frage ich mich sogar, ob das nicht sehr gewagt war? Andere Russen haben das nicht getan, wobei das nicht unbedingt mangelnde Solidarität sein muss. Eventuell ist die Repression auch einfach zu groß. Das Schicksal der ukrainischen Firmen ist natürlich ungewiss.

Ich hatte kurz vor Ausbruch des Krieges noch einen Kickstarter von Stoneaxe Miniatures aus der Ukraine unterstützt. Eigentlich wollte er mit der Auslieferung der 3d-Dateien zwei Wochen warten bis Kickstarter das Geld verbucht. Schon nach wenigen Tagen schrieb er am 21. Februar eine Mail an alle Backer, dass niemand wisse was in den kommenden Wochen geschehe und er lieber jetzt schon die Dateien schicke. 3 Tage später überfiel Russland seine Heimat, der Krieg in der Ukraine brach aus. Mitte März habe ich ihm noch einmal geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Es trübt durchaus die Freude an seiner Kunst, dass ich nicht weiß, ob er irgendwohin geflohen und in Sicherheit ist, sich gerade mit der Waffe in der Hand verteidigen muss oder vielleicht schon sein Leben verloren hat.

Das Fazit des Ganzen

Putins Krieg in der Ukraine ist eine schreckliche Tragödie für Millionen Menschen. Dies mit einem Artikel über Wargaming zu verknüpfen fühlt sich pietätlos an. Dennoch stellen sich Fragen nach Realismus und Einfluss im Wargaming ja gerade in solchen Momenten. Eine Diskussion über ethische Aspekte im Hobby mag in friedlichen Zeiten recht akademisch sein. Heute gibt es aber tatsächlich Spieler, die ihre Bolt Action Armeen erst einmal wegpacken und lieber wieder ihre Orks herauskramen. Für die meisten von uns ist das Hobby ein Ausgleich zur Realität. Es sollte mich nicht an realen Krieg erinnern. Was unser Hobby aber auf jeden Fall ist: Es ist Luxus. Es ist Luxus, der oft kriegrische Auseinandersetzungen zum Gegenstand hat. Vielleicht gibt man das Hobbybudget einfach mal an eine Hilfsorganisation um denen zu helfen, die alles verloren haben? Spendenmöglichkeiten findest du hier. Sicherlich gibt es auch bei dir vor Ort Möglichkeiten – schau mal auf der Website deines Rathauses!

Veröffentlicht in Produktionstagebuch.

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