Heldenreise

Ist Dir schonmal aufgefallen, dass viele Hollywoodfilme im Kern die gleiche Geschichte erzählen? Das liegt an der Heldenreise, der wahrscheinlich verbreitesten Erzählung der Menschheitsgeschichte. Schauen wir uns das mal genauer an:

Was ist die Heldenreise?

Die Heldenreise ist im Kern ein Erzählmuster, das es im Prinzip schon immer gab. Die Hauptperson einer Geschichte begibt sich auf eine Reise und kehrt verändert zurück. Frodo wandert nach Mordor, Simba flieht aus der Steppe, Harry Potter verlässt den Wandschrank, Luke Skywalker besteigt den Millenium Falcon und Neo entscheidet sich für die blaue Pille. Ob es eine tatsächliche Reise gibt oder eher einen inneren Prozess ist dabei unerheblich. In der klassischen Heldenreise beginnt die Hauptperson allerdings noch nicht als Held, sondern wird erst im Verlauf dieser Reise zum Helden. Bei allen fünf oben genannten Beispielen sehen wir zunächst völlig normale Personen, die sich ihres Heldentums nicht bewusst sind.

Der Mythos der Heldenreise ist so alt wie die Menschheit selbst. Eine der ältesten Erzählung unserer Geschichte ist übrigens das Gilgamesch-Epos (fast 4000 Jahre alt). Schon dort wird die Handlung rund um den Protagonisten gemäß der Heldenreise erzählt. Das Muster setzt sich seitdem fort und ist einfach nicht wegzudenken. Jede Person, die sich auch nur ein klitzekleines Bisschen mit Storytelling beschäftigt, stößt unweigerlich sofort auf die Heldenreise. Ob Romanautor, Drehbuchschreiberin oder Marketing-Mensch. Ja, Marketing-Mensch. Sogar einige der besten Werbesports sind nach diesem Schema geschrieben. Glaubst du nicht?

Die beworbenen Marken sind völlig egal, die Videos sind allerdings berühmt geworden. Generell sind Super Bowl Commercials wichtige Werbebeispiele. Sie kosten viele Millionen Dollar und müssen in wenigen Sekunden Eindruck hinterlassen – man soll sie nicht vergessen. Dafür greifen Firmen tatsächlich immer wieder auf die Heldenreise zurück. Wieso ist das so?

Warum funktioniert die Heldenreise so gut?

Ob Marketing, Roman oder Film: Die Zuschauerin oder der Leser sollen emotional gepackt werden. Was uns emotional tangiert, bleibt eher hängen. Wir lieben oder wir hassen es, aber es hinterlässt Eindruck. Nun sprachen wir bereits über die alltäglichen Ablenkungen und Überforderungen des Gehirns. Gefühlt wird das ja immer schlimmer – bei mir zumindest. Es gibt Untersuchungen, dass wir nur ca. 5% der Informationen, die den ganzen Tag so auf uns einstürmen, tasächlich auch verarbeiten können. Mit anderen Worten: Der allergrößte Teil zieht einfach so an uns vorbei. Überwiegend ist das einfach ein Schutzmechanismus des Gehirns, sonst würden wir gar nicht mehr klarkommen.

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Das Gehirn versucht zu vereinfachen und greift dafür auf erlernte Mechanismen zurück. Ich bin kein Neurologe und kann hier auch nur vereinfachen. Grob gesagt bleiben daher die Informationen am besten hängen, die uns emotional ansprechen und im Gehirn mit anderen Erfahrungen verknüpft werden können. Das Erzählmuster der Heldenreise kennen wir schon immer. Es kommt schon in unseren Kindergeschichten vor, denk nur an Pinocchio oder das Dschungelbuch. Und wir kennen es nicht nur, wir erkennen es sofort. Die Werbespots sind gute Beispiele für eine emotionale Botschaft, die in wenigen Minuten erzählt ist und hängen bleibt.

Warum eigentlich “Held”?

Conan der Barbar, Elladan, Arnold Schwarzenegger

Der Begriff “Held” mag angestaubt wirken. In Fantasygeschichten trifft er vielleicht zu, aber passt er auch zu “Lola rennt”? Ja, das tut er. Im Kern geht es bei der Heldenreise nämlich immer um eine völlig gewöhnliche Person (Du oder Ich), die mit einer Herausforderung konfrontiert wird und über sich hinauswächst. Sie oder Er kommt am Ende gestärkt nach hause, ist reicher an Erfahrungen und hat möglicherweise neue Fähigkeiten erworben. Im Kern spricht sie also immer an, etwas besonderes zu erleben und danach eine bessere Version seiner selbst zu sein – und natürlich kam es dabei nur auf Dich an! Das funktioniert übrigens nicht nur in Geschichten, sondern auch im realen Leben. Erinner Dich an die Biographien von Sportlern, Wissenschaftlern, Unternehmern, die aus einfachen Verhältnissen kommen und sich gegen Widerstände hocharbeiten um dann etwas Herausragendes zu leisten. Sportler, die verletzt waren und ein Comeback schafften? Im Leben spannend, aber auch oscarprämierter Stoff für “Million Dollar Baby”.

Es gibt einige Strukturen in der Heldenreise, die so oft vorkommen, dass sie als übliche Schemata gelten können. Christopher Vogler hat in seinem Bestseller “The Writers Journey” (dt. “Die Odysee der Drehbuchschreiber”) von 1992 beschrieben, dass sehr viele Hollywoodfilme auf genau diesen Strukturen beruhen. Als wesentliche Schemata hat Vogler die “Archetypen” und die “Stadien” der Reise definiert.

Die Archetypen bezeichnen bestimmte Figuren, die in diesen Geschichten quasi immer vorkommen. Der Held natürlich, aber auch der Mentor (Matrix: Morpheus, Star Wars: Obi Wan Kenobi, Hobbit: Gandalf, Harry Potter: Dumbledore,…). Daneben gibt es eine Vielzahl an Gefährten, Verführer, Schelme und natürlich den “Schwellenhüter”, den großen Gegner, den der Held überwinden muss. Man kann die Liste rauf und runterexerzieren: Frodo musste auf Aragorn treffen, Luke auf Han, Harry auf Hagrid, Neo auf Trinity,… you get it.

Die “Stadien” beschreiben den klassischen Ablauf der Geschichte, Vogler unterteilt sie in 12 Schritte:

1. Gewohnte Welt
2. Ruf des Abenteuers
3. Weigerung
4. Begegnung mit dem Mentor
5. Überschreiten der ersten Schwelle
6. Bewährungsproben, Verbündete, Feinde
7. Vordringen zur tiefsten Höhle
8. Entscheidende Prüfung
9. Ergreifen des Schwertes (Belohnung)
10. Rückweg
11. Auferstehung
12. Rückkehr mit dem Elixier

Kommt Dir alles bekannt vor? Das ist natürlich keine Überraschung. George Lucas höchstselbst hat Vogler als einen Einfluss für Star Wars bezeichnet!

Ist ja genial! Woher kommt das denn alles?

Wie gesagt, der Mechanismus ist uralt. So richtig erforscht hat ihn aber erst der US-Amerikaner Joseph Campbell. Er gilt zweifellos als einer der bedeutendsten Mythenforscher des 20. Jahrhunderts. Jahrelang untersuchte er Erzählungen, Sagen, Legenden, Mythen aus Kulturen rund um die Welt, bis hin zu den ältesten Stoffen der Menschheit. Aus seinen vielen Veröffentlichtungen ragt gleich sein erstes eigenes Werk “Der Heros in tausend Gestalten” von 1946 heraus. Aus seinen Untersuchungen destillierte Campbell das Konzept des “Monomythos” – einer mythologischen Basis, die den allermeisten Mythen gemein ist. Diesen Monomythos wiederum fächerte er auf in Akteure, Handlungsstränge, Stationen der Heldenreise.

Es ist dieses Buch, auf das Christopher Vogler sich bezog. Campbell definierte 17 Stationen der Heldenreise und Vogler dampfte sie auf 12 Stationen ein. Campbell legte das einflussreiche Fundament und Vogler machte es in Hollywood bekannt.

Am Stoff Interessierten kann ich beide Bücher nahelegen, allerdings ist Campbells Buch bisweilen sperrig zu lesen. Man bekommt hier ein tatsächliches Fachbuch mit akademischem Anspruch und keine leicht zugängliche Abhandlung über Heldengeschichten. Die leichtere Lektüre ist auf jeden Fall Voglers Buch, die aber natürlich auch einen klaren Fokus auf das Drehbuchschreiben und nicht auf Mythologie hat. Ich würde sagen, um die Bedeutung des Monomythos für den Film zu verstehen, reicht Voglers “Odyssee” aus.

Schlussendlich möchte ich noch einen schönen Zusammenschnitt von Robin Fischer aus 168 Hollywoodfilmen empfehlen. Er hat meisterlich montiert, was so viele Hollywoodfilme im Kern gemeinsam haben:

Veröffentlicht in Produktionstagebuch.

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